Eisblume

Frostig - fragil und Fernweh erweckend

Ältere Zeitgenossen berichten gerne, wie sich in früheren Zeiten diese seltene Pflanzenart in kalten Jahreszeiten über Nacht entfalten und - zum allgemeinen Erstaunen aller - am nächsten Morgen bereits alle ihr genehmen Oberflächen wie Hausfenster, Briefkästen, Dachziegel in Beschlag nehmen konnte.

Der äusserst kurzen Vegetationszeit entsprechend ist ihr Wachstum sehr rasant und vital. Ähnlich bescheidene Ansprüche lassen sich nur bei Wüstenpflanzen finden. Bloss einige eisige Froststunden sind Voraussetzung für ihre Entfaltung.

So überraschend ihr Erblühen - so erstaunlich schnell ist allerdings auch ihr Vergehen und Welken! Bereits einzelne warme Sonnenstrahlen genügen, um die Kältespezialistin zum Verschwinden zu bringen.

Diese nur in den kalten Regionen des Nordens und der Südhalbkugel vorkommende Pflanze aus der Familie der Phantasticaphytoceae hat vielfältige Erscheinungsformen und bedarf für ihr Wachstum einer stützenden, glatten Oberfläche.

Die Blätter der winterlichen Eisblume sind meist feingliedrig, fiederspaltig oder tief eingeschnitten. Allerdings lassen sich viele unterschiedliche Blattformen finden. Ebenso vielgestaltig sind auch die noch seltener auffindbaren Eisblumenblüten.

Die kleinen Blütenkelche sind oft traubenartig angeordnet und in dezenten Grau- oder Silbertönen gefärbt.
Die Vermehrung der Pflanze gibt Rätsel auf, da in der Geschichte der Botanik keine Beschreibung ihrer Samen vorliegt. Vermutet wird von verschiedenen Fachkreisen eine ähnliche Vermehrungsstrategie wie sie in alten Schriften bei Farnblüten beschrieben wurde.

Medizinische Bedeutung hatte die Eisblume nie. Ihr jahreszeitlich gebundenes Erscheinen vermag allerdings im Betrachter Fernweh nach warmen Gefilden oder grosse Vorfreude auf das immer wiederkehrende Erwachen der Sonnenkräfte im Frühling erwecken.

Ebenfalls wird berichtet, dass in einigen ländlichen Kulturen eine flechtenartige Wildform der Eisblume, die mit Vorliebe auf Autoscheiben erblüht, in den frühen Morgenstunden vom Glas gekratzt und geerntet wird. Ob es sich dabei um eine medizinische Verwendung der Pflanzenteile oder eine Art "magisches Morgenritual" handelt, wird leider nicht überliefert.
 

"Das unfruchtbare Eis, kalt, panzerglatt,
Verhärtet Leben, das dem Tode dient,
Der sich, der Farblose, mit ihm umschient –
Das Eis, das keine Seele hat,
Das unbewegte, allen Lebens Bann:

Das starre Eis selbst ist nicht tot.
In ihm auch wirkt gestaltendes Gebot,
Der Schönheit Triebkraft ward auch ihm:
Er setzt geheimnisvolle Blüten an,
Und Schwingenrispen, wie dem Seraphim
Gefiederüppig sie aus Schulternrund,
Gekraust, geschwungen, tausendförmig und
In tausend Formen eine Form, entsprießen,
Die ärmste Scherbe trägt ein Wundernetz,
Und alles gleißt von Wundersilberfliesen.
Sieh, Mensch, mit Andacht diesem Wunder zu
Und glaub ans Leben! Überall sind Triebe.
Es ist kein Wahn: Im Tode selbst ist Liebe,
Und neues Werden und bewegte Ruh."

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

 

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Wichtig: Die vorliegenden Rezepte und Heilpflanzenbeschreibungen dienen der Weiterbildung und sind nicht als therapeutische Ratschläge für eine Selbstbehandlung bei gesundheitlichen Beschwerden gedacht.